Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DEGÖB-Tagung 2019

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Forschungsfragen und -vorhaben zur inklusiven Beruflichen Orientierung
R. Schröder, T. Retzmann, L. Bogaczyk, A. Lübke-Detring

Gebäude: Seminarraumgebäude 1
Raum: Raum 2.010
Datum: 27.02.2019 09:30 – 11:00
Zuletzt geändert: 25.01.2019

Abstract


Beitrag 1: Herausforderungen und Forschungsfragen bei der Weiterentwicklung der Berufsorientierung hin zu einer inklusiven Berufsorientierung (Prof. Dr. Rudolf Schröder, Vortrag (20 Minuten mit anschließender Diskussion von 10 Minuten))

Für die Inklusion und Berufliche Orientierung haben Theorien der Subjekt- und Biografieorientierung einen wichtigen Stellenwert – verbunden mit dem Ziel einer individuell angepassten Unterstützung. Dies erleichtert grundsätzlich auf der theoretischen wie praktischen Ebene die Verzahnung der beiden schulischen Aufgaben. Gleichwohl stellt sich die Verzahnung der beiden Aufgaben nicht nur im Schulalltag als schwierig dar. Dies hängt teilweise mit der Komplexität zusammen, die jede Aufgabe für sich alleine betrachtet mit sich bringt. Hinzu kommen das unterschiedliche Professionsverständnis der involvierten Akteure (vgl. Greiten 2014) sowie das zumindest in Teilen ungeklärte Verhältnis der zugrundeliegenden didaktischen Konzepte.

Eine inklusive Didaktik widmet sich „allen Aspekten institutionalisierter Lehr-Lern-Prozesse, welche Bildungsprozesse in inklusiven Lerngruppen ermöglichen, sichern und verbessern“ (Kullmann, Lütje-Klose & Textor 2014, S. 91). In diesem Sinne ist eine inklusive Didaktik nicht nur auf die unmittelbaren Lehr- und Lernprozesse beschränkt, sondern bezieht auch zahlreiche Themen der Schulentwicklung ein, was insbesondere die Vorstellung der Bausteine einer inklusiven Didaktik von Reich (2014) verdeutlicht. Ein derart offenes Verständnis geht mit dem Risiko, dass der Unterricht als „Kerngeschäft einer Lehrkraft“ (Kaminski, 2017, S. 26) aus den Augen verloren wird, einher. Zugleich sei auf die Diskussion verwiesen, ob es bei einer Fokussierung auf die Lehr-Lernprozesse überhaupt sinnvoll ist, eine eigene Inklusionsdidaktik zu etablieren, weil hiermit der Unterricht in seiner Komplexität nicht erfasst wird. „Eine Konzentration auf gelingende, ungestörte Lehr-Lernprozesse schneidet wichtige Vorgänge des Feldes aus dem wissenschaftlichen Diskurs heraus und engt die Wahrnehmung ein“ (Hillenbrand, 2011, S. 24).

Aus dem Spannungsfeld von Individualisierung einerseits und der Herstellung von Gemeinsamkeiten andererseits lassen sich die zentralen Prinzipien einer inklusiven, allgemeinen Didaktik, die sich auf die unmittelbaren Lehr- und Lernprozesse konzentriert, ableiten. Dies betrifft die Akzeptanz der Individualität der Schülerinnen und Schüler, individualisierte Curricula, die unterrichtliche Binnendifferenzierung, die Herstellung von Gemeinsamkeiten der Schülerinnen und Schüler durch Kooperation sowie das Co-Teaching und die Kooperation der Lehrkräfte (vgl. Kullmann, Lütje-Klose & Textor, 2014, S. 91). Aus der Perspektive der Ökonomischen Bildung (und anderer Fachdidaktiken) ist zu berücksichtigen, dass „die Beziehung der Allgemeinen Didaktik zum Fachunterricht immer – explizit oder implizit – über die Vermittlungsebene der Fachdidaktik verläuft“ (Klafki, 1994, S. 42). „Wie […] dem nicht trivialen Anspruch eines gemeinsamen Lernens unter inklusiven Bedingungen aus fach- und berufsdidaktischer Perspektive Rechnung getragen werden kann, scheint vorerst noch unbeantwortet und lässt sich als Forschungsdesiderat kennzeichnen“ (TU Dresden, 2017).

In dem Beitrag sollen insbesondere aus einer didaktischen, aber auch schulpädagogischen Perspektive die grundlegenden Forschungsfragen skizziert werden.

 

Beitrag 2: SNA als Methode der beschreibenden Strukturanalyse sozialer Netzwerke in der inklusiven Berufsorientierung (Prof. Dr. Thomas Retzmann; Leonie Bogaczyk, Vortrag (20 Minuten mit anschließender Diskussion von 10 Minuten))

Das Feld der an Bedeutung gewinnenden inklusiven Berufsorientierung ist kaum er­forscht. Dementsprechend liegen bislang keine empirischen Befunde zu inner- und außerschulischen Kooperationsstrukturen vor, die jedoch auf keinem anderen schul­pädagogischen Gebiet so sehr etabliert sein dürften wie auf dem der Berufsorientie­rung. Dabei indizieren schon allein die Ergebnisse einer ersten Dokumentenanalyse einen gegenüber der bisherigen Praxis der schulischen Berufsorientierung nochmals erhöhten Kooperationsbedarf für die involvierten pädagogischen Fachkräfte – ein Be­fund, der sich auch aus den ersten qualitativen Auswertungen von Gruppendiskus­sion der Prozessbeteiligten ergab. Um die Strukturen in diesem noch wenig be­forschten Feld zu „entdecken“, scheint ein exploratives netzwerkanalytisches Verfah­ren geeignet, die soziale Netzwerkanalyse (SNA). Der Vortrag skizziert die Methodik in ihrer Applikation auf die inklusive Berufsorientierung.

Konkretes Ziel der SNA ist es, das Beziehungsgefüge eines relevanten Akteurs (hier des schulischen Koordinators für die Studien- und Berufsorientierung) hinsichtlich wesentlicher struktureller Eigenschaften zu explorieren, um unterschiedliche Muster von Beziehungskonstellationen im Feld der inklusiven Berufsorientierung zu differen­zieren, die sein Handeln einbetten.

Als netzwerkanalytische Herangehensweise dient in dem hier dargelegten For­schungsvorhaben die Methodik der egozentrierten Netzwerkanalyse. Ausgehend von einem zu bestimmenden „Ego“ sind die Netzwerke nicht vorab auf eine bestimmte Art von Akteuren beschränkt und unterstützen dadurch das hier notwendige explorative Vorgehen in dem noch wenig erforschten Feld, wie zum Beispiel die Aufdeckung äquivalenter Positionen bestimmter Akteure oder aber auch die Bildung von Cliquenstrukturen. So können beispielsweise Aussagen über die Heterogenität der „Alteri“ in „Egos“ Netzwerk getroffen werden, die Rückschlüsse auf die Ressourcenausstattung „Egos“ innerhalb seines Netzwerkes zulassen. Zum Zwecke der Datenerhebung wird eine Online-Fragebogenstudie durchgeführt, die es erlaubt standardisiert Daten für egozentrierte Netzwerke zu erfassen.

Im Vortrag wird erörtert, ob und inwieweit der Index für Inklusion von Boban und Hinz (2003) als konzeptioneller Ausgangspunkt der Itementwicklung herangezogen wer­den kann. Dessen Einteilung in die Dimensionen „Kultur, Praktiken und Struk­tur“ bietet dieser beschreibenden Strukturanalyse mutmaßlich einen geeigneten Rahmen. Es könnten diejenigen Items als Grundlage genommen werden, die einen Bezugspunkt zu Relationsbeschreibungen zwischen den relevanten Akteuren zulassen und darüber hinaus netzwerkanalytisch darstellbar sind.

Um die Komplexität der so entwickelten Netzwerke zu reduzieren, werden struktur­beschreibende, statistische Auswertungsverfahren angewandt. Der Vortrag skizziert die dabei zu erwartenden Ergebnisse.

 

Beitrag 3: Unterstützung von Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen in der Beruflichen Orientierung und der Beruflichen Integration (Anna Lübke-Detring, Vortrag (20 Minuten mit anschließender Diskussion von 10 Minuten))

Menschen mit geistiger Behinderung und eingeschränkter Lautsprache ist bislang der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt weitgehend verwehrt. Nur ein Prozent der Unternehmen bildet Menschen mit geistiger Behinderung aus; dies ist die geringste Quote bezogen auf die Behinderungsarten (vgl. Metzler/Pierenkemper/Seyda 2015, 42). Zugleich ist festzustellen, dass es bislang keine Verfahren der Berufseignungsdiagnostik gibt, mit denen Menschen mit kognitiver und kommunikativer Behinderung ihre beruflichen Interessen und Kompetenzen selbst reflektieren können, was eine passgenaue Beratung hinsichtlich der Auswahl von (theoriereduzierten) Ausbildungsberufen oder Arbeitsplätzen in Unternehmen erschwert.

An der geschilderten Übergangsproblematik von Menschen mit geistigen Behinderungen setzt das BMBF-Projekt (Laufzeit 2018-2021) STABIL (Selbstbestimmung und Teilhabe für Alle in Berufswahl und BerufsbILdung) an. Ziel ist es, die Barrieren im beruflichen Übergang abzubauen und infolgedessen einen entscheidenden Beitrag zur Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und beruflichen Teilhabe von Menschen mit geistigen Behinderungen im (nach Möglichkeit auch) ersten Arbeitsmarkt zu leisten.

Ausgangspunkt ist die Entwicklung einer App auf Basis einer bildsymbolunterstützten Kommunikation. Die App wird auf mobilen oder stationären Endgeräten installiert und fördert

  • die Selbstreflexion von Menschen mit geistiger Behinderung hinsichtlich ihrer beruflichen Präferenzen und Kompetenzen und damit eine erhöhte Selbstbestimmung,
  • den Dialog mit schulischen Lehrkräften, betrieblichen Ausbildern etc., wodurch die Einsatzplanung und Bestimmung des individuellen Unterstützungsbedarfs erleichtert wird.

Die Anwendung des digitalen Assistenzsystems erfolgt auf vier miteinander verbundenen Ebenen:

  1. Ebene: Berufsfelder
  2. Ebene: (theoriereduzierte) Ausbildungsberufe
  3. Ebene: berufliche Handlungsfelder
  4. Ebene: Arbeitsplätze/Aufgaben innerhalb der Handlungsfelder

Die Entwicklung STABIL berücksichtigt somit die Grundidee des Programms „Bildungsketten“ des BMBF, wonach die Jugendlichen (insbesondere mit Vermittlungshemmnissen) von der Berufsorientierung bis hinein in die Berufsausbildung durch abgestimmte Maßnahmen zu unterstützen sind.


Schlagwörter


Berufliche Orientierung, Inklusion