Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DEGÖB-Tagung 2019

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Berufliche Orientierung und Digitalisierung – Anforderungen an digitale Medien zur Unterstützung der Berufs- und Studienorientierung
M. Rudeloff

Gebäude: Seminarraumgebäude 1
Raum: Raum 2.009
Datum: 26.02.2019 09:00 – 10:30
Zuletzt geändert: 11.01.2019

Abstract


Theoretischer Hintergrund

Vor dem Hintergrund sich wandelnder Rahmenbedingungen in Gesellschaft, Beruf und Arbeit erschöpfen sich die Aufgaben der beruflichen Orientierung heutzutage nicht mehr in der Vorbereitung der ersten Berufswahl, sondern im Vordergrund steht die Förderung von Kompetenzen, die Jugendlichen eine dauerhafte aktive Gestaltung der eigenen Berufsbiographien ermöglichen (Driesel-Lange, Hany, Kracke & Schindler, 2010; Lumpe, 2007). Lehrkräfte stehen vor der Herausforderung nicht nur beobachtbare Fertigkeiten und Kenntnisse der Schüler/-innen zu prüfen, sondern ihre Potenziale zu erkennen und zu fördern. Fokussiert werden somit die Entwicklungsprozesse der Jugendlichen mit dem Ziel, diese darin zu unterstützen, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit zu entwickeln, sodass sie sich ausprobieren und Herausforderungen annehmen (BMBF, 2018; Dreer & Kracke, 2011). Dabei hat die Berufs- und Studienorientierung (BSO) zusätzlich zu den Jugendlichen auch die fachlichen Anforderungen von Berufen und Berufsfeldern im Blick, welche ständigen Veränderungen (insbesondere aufgrund der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt) unterliegen (Hammer, Ripper & Schenk, 2015; Gützkow, 2017). Folglich ist es notwendig, die Inhalte der Berufsorientierung immer wieder an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Außerdem ist es von Bedeutung, die Inhalte und fachlichen Anforderungen der einzelnen Berufe bzw. Berufsfelder adäquat zugänglich zu machen.

Der Einsatz digitaler Medien erweist sich in diesem Zusammenhang in doppelter Hinsicht als geeignet. Einerseits lassen sich die Inhalte digitaler Medien schnell an sich wandelnde Gegebenheiten anpassen, sodass jederzeit aktuelle Lernangebote entwickelt bzw. bestehende digitale Medien verändert werden können. Anderseits bieten digitale Medien die technischen Möglichkeiten, komplexe berufliche Anforderungen und Tätigkeiten authentisch zu visualisieren und zu simulieren (Kerres, 2003). Gleichzeitig können sich digitale Medien günstig auf den Lernerfolg von Jugendlichen auswirken, insbesondere wenn dem unterrichtlichen Einsatz ein entsprechendes didaktisches Konzept zu Grunde liegt (Petko, 2014). Folglich müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um das Potential von digitalen Medien zu nutzen und dieses für Lehrende und Lernende erfahrbar zu machen. Nur unter diesen Voraussetzungen kann von einer unmittelbaren Wirkung digitaler Medien auf die Leistungen der Jugendlichen ausgegangen werden. Es ist demnach erforderlich, Medien so auszugestalten, dass ein erfolgreicher unterrichtlicher Einsatz ermöglicht wird. Hierzu ist das Medium entsprechend zu konzipieren und in die Lernumgebung der Schüler/-innen einzubetten (Süss, Lampert & Trültzsch-Wijinen, 2018).

Aktuell können Lehrpersonen bereits auf eine Reihe von digitalen Instrumenten zur BSO zurückgreifen. Allerdings wurden die Anforderungen von Lehrkräften und Schüler/-innen an ein derartiges Medium bisher in deren Entwicklungsprozess kaum berücksichtigt.

Fragestellung

Diese Ausführungen verdeutlichen, dass digitale Medien grundsätzlich einen entscheidenden Beitrag im Prozess der Berufswahl von Schüler/-innen leisten können, sich aber gleichzeitig Herausforderungen identifizieren lassen, welche die Konzeption und den Einsatz derselben betreffen. Vor diesem Hintergrund zielt diese Einreichung darauf, die Anforderungen zu erforschen, die Schüler/-innen und Lehrpersonen im Rahmen der BSO an digitale Medien stellen. Leitende Forschungsfrage ist folglich: Was erwarten Schüler/-innen und Lehrpersonen vom Einsatz digitaler Medien? Welche Voraussetzungen identifizieren sie, damit das Nutzen digitaler Medien im Rahmen der BSO gelingt?

Forschungsdesign

Der vorliegenden Studie liegt ein qualitatives Forschungsdesign mit N=24 Probanden zugrunde. Es wurden Gruppendiskussionen mit Schülern/-innen der 8. und 9. Klasse an einer Gemeinschaftsschule durchgeführt. Zusätzlich erfolgten Interviews mit den Lehrpersonen der beteiligten Schüler/-innen. Die Interviews und Gruppendiskussionen wurden als leitfadengestützte problemzentrierte Interviews (Witzel, 2000) durchgeführt und mittels der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2014) ausgewertet. Weitere Interviews und Gruppendiskussionen sind geplant.

Ergebnisse

Erste Ergebnisse zeigen, dass Lehrkräfte digitalen Medien zur Unterstützung der BSO kritisch gegenüberstehen. Als Grund hierfür führen sie mangelnde digitale Kompetenzen der Schüler/-innen sowie fehlende didaktische Konzepte zum unterrichtlichen Einsatz an. Vor diesem Hintergrund stellen Schüler/-innen wie Lehrkräfte eine Reihe von Anforderungen an eine digitale Lösung zur Unterstützung der BSO, von denen hier ausgewählte aufgeführt werden: Aufgrund der Allgegenwärtigkeit von Apps in der Lebenswelt von Jugendlichen stellt eine derartige Lösung die erste Wahl von Schülern/-innen sowie Lehrkräften dar. Diese soll umfassende Funktionalitäten bieten, um die Lernprozessbegleitung zu ermöglichen. Wesentlich ist die Nutzbarkeit auf verschiedenen Endgeräten und die Möglichkeit zum unterrichtlichen Einsatz. Leichte Bedienbarkeit und Verständlichkeit sowie die Möglichkeit unterschiedliche Sprachen in der App einzustellen, werden als Voraussetzungen genannt. Zudem wird eine umfassende Datenbankfunktionalität gewünscht, sodass eine nach Berufsfeldern gegliederte und medial ansprechend aufbereitete Information über einzelne Berufe möglich ist. Zusätzlich sollen die für die Berufsorientierung typischen Instrumente (wie Interessentest, Potenzialanalysen) integriert werden. Gleichzeitig sollen Zertifikate und Bescheinigungen gespeichert werden können sowie Beurteilungen von bspw. Praktika direkt über die App vorgenommen werden können. Wichtig ist darüber hinaus eine Messenger-Funktion, sodass ein Austausch zwischen Schüler/-innen stattfinden kann, aber auch Kontakt zu Betrieben und bspw. der Berufsberatung der Arbeitsagentur für Arbeit aufgenommen werden kann. Die App sollte Zugänge für Lehrkräfte, Schüler/-innen und Eltern bieten. Die Schüler/-innen und ihren Entwicklungsprozess in den Mittelpunkt zu stellen, ist für alle Probanden wesentlich, sodass es möglich sein sollte, alle Daten zusammenfassend auszudrucken, um diese als Grundlage für Gespräche mit Schülern/-innen und Eltern verwenden zu können.

Zentrales Ergebnis ist, dass Schüler/-innen und Lehrkräfte die App lediglich als Hilfsmittel für die persönliche Lernprozessbegleitung ansehen und der persönlichen Beratung durch Lehrkräfte ein hoher Stellenwert für eine gelingende BSO beigemessen wird. Die qualitative Studie leistet einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Anforderungen an die didaktische Unterstützung der BSO. Sie bestätigt und erweitertet bisherige Forschungsergebnisse in diesem Bereich (z.B. Staden, 2014).

Literatur

BMBF – Bundesministerium für Bildung und Forschung (2018). Qualitätsstandards des BMBF zur Durchführung von Potenzialanalysen zur Berufsorientierung 2015. Verfügbar unter https://www.berufsorientierungsprogramm.de/files/Qualitaetsstandards_2015_BARRIEREFREI.pdf

Dreer, B. & Kracke, B. (2011). Lehrerkompetenzen und Personalentwicklung im Kontext schulischer Berufsorientierung – Zur Bedeutung der Lehrerbildung. bwp@ Spezial 5 – Hochschultage Berufliche Bildung 2011, 1-13. Verfügbar unter http://www.bwpat.de/ht2011/ft02/dreer_kracke_ft02-ht2011.pdf

Driesel-Lange, K., Hany, E., Kracke, B. & Schindler, N. (2010). Ein Kompetenzentwicklungsmodell für die schulische Berufsorientierung. In U. Sauer-Schiffer & T. Brüggemann (Hrsg.), Der Übergang Schule – Beruf. Beratung als pädagogische Intervention (S. 157-175). Münster: Waxmann.

Gützkow, F. (2017). Chancen digitaler Bildung nutzen. Verfügbar unter https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/chancen-digitaler-bildung-nutzen/

Hammer, K; Ripper, J & Schenk, T. (2015). Leitfaden Berufsorientierung. Praxishandbuch zur qualitätszentrierten Berufs- und Studienorientierung an Schulen. Güterlsoh: Bertelsmann Stiftung.

Kerres, M. (2003). Wirkungen und Wirksamkeit neuer Medien in der Bildung. In R. Keill-Slawik, M. Kerres (Hrsg.), Education Quality Forum. Wirkungen und Wirksamkeit neuer Medien (S. 1-12). Münster: Waxmann.

Kuckartz, U. (2014). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung (2. Aufl.). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

Lumpe, A. (2007). Kompetenzentwicklung in der Schule: neue Perspektiven. In R. Oberliesen & H.-D. Schulz (Hrsg.), Kompetenzen für eine zukunftsfähige arbeitsorientierte Allgemeinbildung. Forum Arbeitslehre (Band 5, S. 207-230). Schneider: Hohengehren.

Petko, D. (2014). Einführung in die Mediendidaktik. Lehren und Lernen mit digitalen Medien. Weinheim und Basel: Beltz Praxis Verlag.

Staden, C. (2014). Aus Erfahrungen von Lehrkräften im Umgang mit dem Berufswahlpass lernen – Ergebnisse einer qualitativen Studie. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, 27, 1-20. Verfügbar unter http://www.bwpat.de/ausgabe27/staden_bwpat27.pdf

Süss, D., Lampert, C. & Trültzsch-Wijinen, C. (2018). Medienpädagogik. Ein Studienbuch zur Einführung. 3. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.

Witzel, A. (2000). Das problemzentrierte Interview. Forum Qualitative Sozialforschung 1(1), Art. 22. Verfügbar unter http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001228

 


Schlagwörter


Digitalisierung, Berufsorientierung