Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DEGÖB-Tagung 2019

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Kompetent netzwerken im Kontext der Digitalisierung
M. Kröll

Gebäude: Seminarraumgebäude 1
Raum: Raum 2.009
Datum: 26.02.2019 09:00 – 10:30
Zuletzt geändert: 11.01.2019

Abstract


  • Die Bedeutung des Netzwerkens

Dieser vorliegende Beitrag beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Aufbau, Funktionen und Pflege von Netzwerken. Welche zentrale Bedeutung die Fähigkeit hat soziale Netzwerke kompetent zu managen hat, wurde im Rahmen einer empirischen Studie an der 93 Befragte aus fünf Ländern (Bulgarien, Litauen, Griechenland, Spanien Ungarn) teilnahmen deutlich. Im Mittelpunkt der nachfolgenden Ausführungen stehen die Projektergebnisse aus dem dreijährigen EU-Projekt „Job Developer“, das unter der Trägerschaft der Nationalen Agentur beim BiBB mit EU-Mitteln finanziert wird (www.jobdeveloper.eu).

Zwar ist die Zahl der registrierten Jugendarbeitslosigkeit in den letzten Jahren gesunken, dennoch sind in Europa immer noch ca. 4 Millionen Jugendliche arbeitssuchend. Es ist von zentraler Bedeutung, die Beschäftigungsfähigkeit dieser Jugendlichen zu verbessern. Neben der hohen Zahl an arbeitssuchenden Jugendlichen stellen die verschiedenen Megatrends eine Herausforderung auf europäischer Ebene dar. An dieser Stelle sei beispielhaft auf folgende Megatrends (https://www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrends/) hingewiesen: Digitalisierung, Demografischer Wandel, Globalisierung, Zunahme an Mobilität, Fortschritte im Gesundheitsbereich, Individualisierung, Entwicklung in Richtung einer Wissensgesellschaft und wachsende Logistikbranche usw. Bei der „Digitalisierung der Arbeit“ steht u.a. die Verschmelzung von Produktion (Cyber-Physical Systems; Industrie 4.0) und Dienstleistung (Smart Services) zu Product-Service Systems im Mittelpunkt. Weitere Themen sind: BigData, Crowdwork, Internet der Dinge und Augmented Reality. Dabei ist zu bedenken, dass der digitale Wandel nicht nur zu nachhaltigen Veränderungen der Berufsbilder, der Berufsausbildung und der Kompetenz- und Qualifikationsanforderungen in der Arbeitswelt führen, sondern sie haben eine tiefgreifende Auswirkung auf die Lehr-/Lernprozesse und damit auf die verschiedenen Formen der Kompetenzentwicklung und -förderung junger Menschen.

Ziel der Zusammenarbeit zwischen dem Job Developer und dem orientierungssuchenden bzw. arbeitssuchenden Jugendlichen ist es, gemeinsam einen persönlichen Entwicklungsplan für den Jugendlichen zu erarbeiten. Dabei greifen beide auf Tools zur Talentdiagnose, auf das Konzept des Beschäftigungsradars sowie das Expertenhearing zurück. Bei der Umsetzung dieses Entwicklungsplans sind die Jugendlichen, insbesondere dann, wenn sie keine vorgegebenen Wege gehen wollen und wenn sie ihre individuellen Wünsche, Vorstellungen und Talenten nachkommen wollen, auf die Kooperation im anderen Akteuren angewiesen. Empirische Studien sind zu der Erkenntnis gelangt, dass insbesondere in Krisensituationen, die im Laufe der beruflichen Entwicklung auftreten können, die Betroffenen darauf angewiesen sind, auf ihr Netzwerk zurückzugreifen (Gansen-Ammann, 2014; Mierke & Gansen-Amman, 2017). Wenn sie vor der Krisensituation nicht ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut haben, dann kann sich ihre Situation noch verschärfen.

Um diesen Mentoringprozess professionell begleiten zu können, sind auch die Netzwerkfähigkeiten des Job Developers eine zwingend erforderliche Kompetenz. Er soll zudem die Jugendlichen über die Bedeutung der Netzwerkfähigkeit für die Umsetzung neuer Ideen informieren und sie dahingehend unterstützen, wie sie ihre Netzwerkkompetenz ausbauen können. Damit soll es gelingen, die Jugendlichen in die Lage zu versetzen, entsprechende nützliche Netzwerke zu unterschiedlichen Zielgruppen zu knüpfen.

  • Aufgaben und Funktionen von Netzwerken

Unter Netzwerkfähigkeit (networking ability) sind nach Gansen-Amman (2014) die Fertigkeiten zu verstehen, „… die zur Etablierung nutzenbringender sozialer Netzwerke notwendig sind.“ (S. 41). Netzwerkfähigkeit kann definiert werden als das Ausmaß, in dem die Menschen qualifiziert sind, soziale Netzwerke zu entwickeln und zu nutzen, um beispielsweise Veränderungen am Arbeitsplatz zu bewirken.

Im beruflichen Netzwerk ist es äußerst hilfreich mit anderen zu kooperieren (Gansen-Amman, 2014; Mierke & Gansen-Amman, 2017). Mit geeigneten Kooperationspartnern können Personen besonders gut neue Geschäftsfelder erschließen oder andere gewinnbringende Formen der Zusammenarbeit eingehen. In ihrer empirischen Studie kommen Wolff & Moser (2006) zu dem Ergebnis, dass Akteure, die über ein höheres Durchsetzungsvermögen verfügen, in höherem Maße Netzwerkarbeit betreiben.

Aufgabe der Netzwerkarbeit ist es, die Fähigkeiten der Netzwerkpartner so aufeinander abzustimmen, dass ihre Stärken aufgegriffen werden und gleichzeitig ihre Schwächen nicht zum Vorschein kommen. Diese Netzwerkarbeit ist Bestandteil der Aufgaben z.B. der arbeitssuchenden Jugendlichen, die eine Dienstleistungsidee entwickelt haben. Dabei könnten sie von Personen, die die Rolle des Job Developer übernehmen, unterstützt werden. Auf diese Weise wird versucht, bessere Voraussetzungen für die Implementierung der persönlichen Entwicklungspläne der Jugendlichen zu erzielen.

Ausgehend von der Aufgabe einen persönlichen Entwicklungsplan herauszuarbeiten und umzusetzen, ergeben sich für beide folgende Aufgaben im Hinblick auf die Netzwerkarbeit (Duschek & Sydow, 2013; Sydow, 2010/3): (1) Die geeigneten Partner zu finden und auszuwählen (Selektionsaufgabe); (2) Die Aufgabenverteilung zwischen den Netzwerkpartner festlegen (Allokationsaufgabe); (3) Zudem geht es darum zu klären, wie die Aufgaben gemeinsam erledigt werden können. Gleichzeitig geht es auch um die Frage des Umgangs mit vertraulichen Informationen. (Regulationsaufgabe); (4) Es gilt die Vor- und Nachteile der Netzwerkarbeit einzuschätzen (Evaluationsaufgabe) und (5) die Qualität der Zusammenarbeit zu gewährleisten (Qualitätsprüfung).

  • Mögliche Chancen und Risiken der Netzwerkarbeit

Nicht zuletzt sind die Chancen und die Risiken der Netzwerkarbeit einzuschätzen. Die Vorteile der Netzwerke zwischen Akteuren wird insbesondere in der gegenseitigen Wechselbeziehung im Hinblick auf die Kompetenzentwicklung. Demzufolge kann Netzwerkarbeit dazu beitragen, Lernen zu initiieren und auf diese Weise neue Kompetenzen zu entwickeln und zu vertiefen. Es ist aber zu bedenken, dass Netzwerkaktivitäten – in welcher Form sie auch stattfinden – Ressourcen erfordern. Darüber hinaus betont Sydow (2010/3), dass es keine „heile“ Netzwerkwelt gebe. Die Netzwerkwelt sei „… prinzipiell von Interessendifferenzen und Machtasymmetrien durchtränkt.“ (S. 391). Basis für die Macht, die die Netzwerkarbeit beeinflussen würde, sei u.a. der Wissens- und Kompetenzvorsprung der jeweiligen Akteure, z.B. im Hinblick auf die Entwicklungen auf den verschiedenen Beschaffungs- und Absatzmärkten sowie den internen und externen Arbeitsmarkt und nicht zuletzt bezogen auf die technische Entwicklung.

  • Vertrauensbildende Maßnahmen

Warum scheitert die Zusammenarbeit in Netzwerken? Nicht selten fehlt es an dem erforderlichen Vertrauen (Cleppien & Kosellek, 2013). Auch bei der Zusammenarbeit zwischen den arbeitssuchenden Jugendlichen und den Job Developern spielt Vertrauen eine wichtige Rolle – so das Ergebnis der Messung der Qualität der von den Job Developer erbrachten Dienstleistung in den verschiedenen EU-Ländern. Dies ergab die entsprechende Messung, die im Rahmen des Projekts „Job Developer“ durchgeführt wurde. Zuerst sollte geklärt werden, ob das nötige Vertrauen für die Zusammenarbeit vorhanden ist, um zielgerichtete Maßnahmen zu ergreifen. Diese bedeutende Rolle von Vertrauen in Netzwerken ist in der wissenschaftlichen Netzwerkforschung unbestritten (Cleppien & Kosellek, 2013). Ist das erforderliche Vertrauen nicht vorhanden, stellt sich die Frage, welche vertrauensbildenden Maßnahmen ergriffen werden können bzw. zu ergreifen sind.

  • Qualitätsmessung in der Netzwerkarbeit

Zur Bestimmung der Qualität der Netzwerkarbeit ist es zunächst vorteilhaft, zwischen verschiedenen Phasen der Netzwerkarbeit zu differenzieren. Im nächsten Schritt ist zu klären, anhand welcher Kenngrößen die Qualität der Netzwerkarbeit überprüft werden soll. Zur Messung der Qualität der Netzwerkarbeit können folgende Punkte herangezogen werden: (a) die Intensität der Einbeziehung der möglichen Netzwerkpartner in das Geschehen, (b) das Ausmaß der Bereitschaft der Akteure an der Netzwerkarbeit mitzuwirken, (c) die Intensität, mit der sich die Netzwerkspartner gegenseitig austauschen, (d) Form und Inhalt des Feedbacks, das die Netzwerkpartner sich gegenseitig geben. Auf die Berücksichtigung der entsprechenden Punkte können sich die Reflexion der Netzwerkarbeit und die Bemühungen um die Verbesserung der Netzwerkarbeit stützen. Die Ergebnisse der entsprechenden Reflexion sind Grundlage für die Weiterentwicklung der Netzwerkarbeit. Dabei ist die Qualität der Netzwerkarbeit auch von der Qualität der Reflexionsergebnisse abhängig.

 

Literaturverzeichnis

Cleppien, G. & Kosellek, T. (2013): Vertrauen in Netzwerke(n). In: Fischer, J. & Kosellek, T. (Hrsg.) (2013): Netzwerke und Soziale Arbeit. Theorien, Methoden, Anwendungen. Beltz Juventa-Verlag, Weinheim – Basel, S. 176 – 198

Duschek, St. & Sydow, J. (2013): Netzwerkzeuge – Einführung und Überblick. In: Sydow, J. & Duschek, St. (2013) (Hrsg.): Netzwerkzeuge. Tools für das Netzwerkmanagement. Springer-Gabler-Verlag Wiesbaden, S. 1 – 7

Gansen-Ammann, D.-N. (2014): Aufstiegsaspiration und soziale Fertigkeit – Identität, Netzwerkfähigkeit und Karriereerfolg. Bonn (elektronisch veröffentliche Dissertation: http://hss.ulb.uni-bonn.de/2014/3672/3672.pdf)

Mierke, K. & Gansen-Amman, D.-N. (2017): Networking-Kompetenz im Job. Psychologisches Kommunikationswissen für Berufseinstieg und Karriere. Springer-Verlag, Wiesbaden

Sydow, J. (2010/3): Management von Netzwerkorganisationen – Zum Stand der Forschung. In: Sydow, J. (Hrsg.) (2010/3a): Management von Netzwerkorganisationen: Beiträge aus der "Managementforschung“. 3. Aufl. Gabler-Verlag Wiesbaden, S. 373 – 470

Wolff, H. G., & Moser, K. (2006): Entwicklung und Validierung einer Networkingskala. In: Diagnostica, 52 (4), 161 – 180



Schlagwörter


Innovation, Entrepreneurship Education