Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DEGÖB-Tagung 2019

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Entrepreneurship Education in Deutschlands Schulen - Stand, Wirkung und Handlungsempfehlungen
E. Mittelstädt

Gebäude: Seminarraumgebäude 1
Raum: Raum 2.010
Datum: 26.02.2019 14:15 – 15:45
Zuletzt geändert: 11.01.2019

Abstract


Die Präsentation basiert auf der Studie „Unternehmergeist in die Schulen“, die ab November 2018 unter https://www.unternehmergeist-macht-schule.de abrufbar ist.

Es wurden 32 Bildungs- und Wirtschaftsministerien (21 Rückläufer aus 14 Bundesländern), 28 Projektträger und 1.500 Schulen (202 Rückläufer) kontaktiert.

In einer sich wandelnden, turbulenten Welt stellt unternehmerisches Denken und Handeln eine Schlüsselkompetenz dar. Es ist bedeutsam, dass Schüler und Schülerinnen lernen, sich darin zurechtzufinden, um die eigene Zukunft gestalten zu können. Die Europäische Kommission hat sich seit 2003 in mehreren Schlüsseldokumenten der Förderung von Unternehmertum (Entrepreneurship) und unternehmerischer Bildung (Entrepreneurship Education) angenommen und mit Bezug zu den Zielen der Europäischen Union kontinuierlich ausgebaut (vgl. Europäische Kommission 2016: 36). Das Europäische Parlament hat 2015 eine Resolution zur Förderung von unternehmerischer Bildung bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen verabschiedet. Darin werden die EU-Kommission sowie die Mitgliedsländer aufgefordert, die Entwicklung unternehmerischer Fähigkeiten in der Schule und mit Bezug zum Aktionsplan Unternehmertum 2020 (Europäische Kommission 2013) politisch und finanziell zu unterstützen. EU-weit dominiert der bildungspolitische Ansatz, Schülerinnen und Schüler zu befähigen „selbständig zu sein“. Dies schafft die Grundlage für die berufliche Option sich „selbständig zu  machen“, steht jedoch nicht im Vordergrund der Bemühungen und wirkt weit darüber hinaus in die Gesellschaft.

Für die Integration von „Entrepreneurship Education“ in den Unterricht sind aufgrund ihrer Kultushoheit in Deutschland die Bundesländer originär zuständig. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) setzt sich übergreifend im Rahmen seiner wirtschaftspolitischen Aufgaben, insbesondere in der Mittelstands- und Gründungspolitik, dafür ein, die Förderung von Unternehmergeist bereits in der Schulbildung zu verankern. Das BMWi hat in diesem Kontext die Studie „Unternehmergeist in die Schulen - aktuelle Trends und Entwicklungen, Transparenz und Erfolgsindikatoren“ in Auftrag gegeben, deren zentrale Ergebnisse hier zusammengefasst werden.

In der Mehrheit der Bundesländer wird unternehmerische Bildung in Schulen als politisch relevante Thematik erachtet, insbesondere Baden-Württemberg geht hier proaktiv voran. In der Breite ist allerdings festzustellen, dass innerhalb eines Landes häufig keine einheitliche Definition oder Strategie existiert. Die personelle Kapazität - selbst in den Landesministerien mit einer Ausrichtung auf die Thematik – ist eher gering (im Durchschnitt 0,5 Vollzeitäquivalente bei einer Spannbreite von 0,1 bis 1,0), der Umfang fast überall unverändert zum Stand von vor fünf Jahren und zumeist stärker im Wirtschaftsministerium als im Kultusministerium verortet. Es wird deutlich, dass unternehmerische Bildung eher als wirtschaftspolitische denn als bildungspolitische Aufgabe gesehen wird. Immerhin werden in acht von 14 Bundesländern Aktivitäten des Landes und sonstiger Träger zentral in einer Initiative gebündelt, davon haben sechs einen auf Dauer angelegten Arbeitskreis.

 

Die unternehmerische Bildung weist in den befragten Schulen eine gute Qualität auf und funktioniert. Insbesondere werden nach Auskunft der Lehrkräfte Querschnittskompetenzen wie Team-, Kommunikations- und Präsentationsfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler deutlich verbessert. Die umgesetzten Maßnahmen ermöglichen praxisbezogenes, lebensnahes und an eigenen Stärken und Interessen ausgerichtetes Lernen. Die berufliche Orientierung und den Erwerb von Kompetenzen werden gefördert, die wesentlich für die berufliche Entwicklung sind und sonst selten im Schulalltag vorkommen. Das Erfahren von Erfolgserlebnissen führt zu einer Steigerung der Leistungsbereitschaft und des Zugehörigkeitsgefühls. Kurzum: Unternehmerische Bildung ermöglicht die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler durch die Lehrkraft.

Bedeutsam ist, dass die für den Aufbau unternehmerischer Selbstwirksamkeitsüberzeugungen relevanten Lernziele in der Regel gut erreicht werden. Iteratives Experimentieren, und damit den Umgang mit Ungewissheit und das „um die Ecke denken“ zu lernen, ist weniger stark in Unternehmergeist-Bildungsmaßnahmen vorzufinden als es nach dem aktuellen Stand der Entrepreneurship-Forschung wünschenswert wäre. Hier besteht Weiterentwicklungspotenzial.

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern hinkt Deutschland in der unternehmerischen Bildung an Schulen weit zurück. Es gibt keine einheitlichen nationalen oder auch länderspezifischen Definitionen und die strategische Verankerung im bildungspolitischen Kontext ist unzureichend.

Es existiert eine Vielzahl an Initiativen, die jedoch häufig eher an gymnasialen Oberstufen zum Einsatz kommen. Die befragen Akteure sehen in Gänze deutlich positive Effekte bei der Durchführung von Unternehmergeist-Bildungsmaßnahmen. Wesentliche Barrieren bestehen bei der fehlenden Verankerung im Bildungsplan sowie der geringen fachlichen wie ideellen Unterstützung durch die Politik bzw. die (Bildungs-)Ministerien.

Es können im Wesentlichen vier Handlungsfelder bestimmt werden:

  1. Verbesserung der politischen Verankerung (z.B. Durchführung von Roundtables, Entwicklung einer bundesweiten Strategie, Adaption europäischer Ansätze)
  2. Etablierung einer zentralen Verantwortung (Dokumentation von Forschungs- und Evaluationsergebnissen, Verbesserung der Transparenz, Entwicklung eines Zertifizierungssystems)
  3. Stärkung der regelhaften Vernetzung (z.B. Jahreskongress unternehmerische Bildung)
  4. Investitionen in der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte (z.B. Verankerung in allen Phasen der Lehrerbildung)

International ist eine Zunahme an Unternehmergeist-Projekten in den sog. MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik zu verzeichnen. Dabei gilt unternehmerische Bildung als Motivationsbrücke, um Jugendliche für Technik zu begeistern. Eine Befragung von High-Tech-Gründerinnen und Gründern in den USA (Kourilsky/ Walstad 2002) zeigt, dass von fast der Hälfte die Schule als mindestens wichtigem Faktor für die Entscheidung zu gründen angesehen wurde.



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